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Bis auf die Knochen

Verfasser unbekannt

Ich fühlte mich manchmal wie ein Gespenst, das Angst vor sich selbst hat.“ Sandras schlanke Finger schmiegen sich fast vorsichtig an die Kaffeetasse. Wir sitzen in einer kleinen schummrigen Küche einer Ein-Zimmer-Wohnung. Alles wirkt sehr ordentlich. Fast penibel. Sauber gestapelte Teller. Die Tassen in Reih und Glied. Die Besteckschublade wirkt wie aus einem Katalog.

Auf einem Teller liegt ein halb gegessenes Brötchen mit Orangenmarmelade. Ohne Butter. „Das hat nichts damit zu tun. Ich mag einfach keine Butter.“ Mit „damit“ meint Sandra ein Kapitel aus ihrer Vergangenheit. Anderthalb Jahre lang litt sie unter extremer Magersucht. Wenn man sie heute sieht, könnte man sich nicht vorstellen, dass so eine starke und selbstbewusste Frau einmal unter solchen Selbstzweifeln litt.

„So eine Erfahrung macht eben nicht nur schlank, sondern auch stark“, sagt sie während ein dünnes Lächeln ihre Mundwinkel umspielt. In den tiefbraunen Augen erkennt man aber, dass sie diese Erfahrung nur allzu gerne missen würde. „Ich war nicht mehr ich selbst. Ein fremdes Mädchen starrte mich im Spiegel an und schrie, wie fett ich doch wäre.“

27 Kilo nahm Sandra innerhalb von 14 Monaten ab. Den Rat von Freundinnen und Bekannten ignorierte sie. Auslöser waren die Hänseleien in der Schule. Für die anderen Jugendlichen war sie nur die „Dicke“. Wirklich dick war sie nie. 78 Kilo bei einer Größe von 1,74. Doch sie wollte nicht mehr die „Dicke“ sein. „Ich wollte Sandra sein. Von Jungs angesprochen und nicht ausgelacht werden.“

Anfangs versuchte sie es mit Diäten. Trennkost, FDH, Low Fat. Alles half nicht wirklich. Dann begann sie zu rauchen. Nur Mentholzigaretten. „Ich mag Rauchen gar nicht, aber danach war der Hunger weg und ich fühlte mich stärker, da ich der Versuchung widerstanden hatte. Das Ganze ist dann nur leider außer Kontrolle geraten“.

Der Kaffee ist inzwischen alle. Die Tasse bereits abgewaschen. Sandra scheint alles unter Kontrolle zu haben. Unter ihrem Bett holt sie einen grauen Schuhkarton hervor. Der Staub verrät, dass er nicht aus Platzgründen dort liegt. Darin ein grauer Papphefter. Schnörkellos und abgenutzt. In klarer Schrift steht darauf nur „2002 – 2004“.

Das Poesiealbum der etwas anderen Art. Auf jeder Seite klebt ein Bild. Keine Beschriftung. Keine Erklärung. Chronologisch geordnet zeigen sie, wie Sandra sich während ihrer Anorexie entwickelt hat. Mit zunehmender Seitenzahl schwinden Lächeln und Taillenumfang. „Ich wollte schön sein, fand mich aber mit jedem abgenommenen Kilo dicker und abstoßender.“ Bis zu Seite 12. Drei Tage nachdem dieses Foto aufgenommen wurde brach Sandra im Sportunterricht zusammen. „Ich hatte in den Monaten zuvor sehr viel Sport getrieben. Volleyball, Handball und Joggen. Alles was mich vom Essen abhielt. Daher war ich auch entsprechend verwundert, als ich im Krankenhaus aufwachte.“

Durch die ständige Unterernährung hatte ihr Körper schließlich kapituliert. Erst im Krankenhaus war sie gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. „Meine Mutter war viel unterwegs und damit zufrieden, dass ich den Gewichtsverlust auf den vielen Sport schob.“ Die Ärzte erkannten aber die Symptome der Magersucht: Eingefallene Wangen, sichtbare Rippen, hervorstehende Beckenknochen, Muskelschwund, trockene Haut und brüchige Fingernägel. „Mein Body Mass Index war mit 16,8 schon im kritischen Bereich. Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr musste ich mich wiegen.“ 51 Kilo. Starkes Untergewicht. Diese Diagnose schockierte sie, hatte sie sich doch immer für viel zu fett gehalten.

Alles wollte sie verändern. Aber ihr Körper war geschwächt. Viele Organe waren monatelang nur mangelhaft mit Nährstoffen versorgt. Außerdem hatte sie den Hunger fast vollkommen unterdrückt. Sie empfand ihn als lästig. Wie eine Fliege, deren Summen Sandra einfach nicht mehr ertragen konnte.

„Ohne die Unterstützung der Psychiaterin wäre ich heute vermutlich tot.“ Tatsächlich liegt die Sterblichkeitsrate bei Anorexie nach zehn Jahren bei 5 bis 15 Prozent. Sandra gehört zu den zehn Prozent die innerhalb der ersten zwei Jahre genesen sind. Während der Therapie wurde vor allem ihr verzerrtes Selbstbild wiederhergestellt. Unter anderem erkannte sie durch das Nachmalen ihrer Silhouette ihre eigentliche Körperform. Es war sehr schwer, sie für Essen zu sensibilisieren. Bis zur endgültigen Entlassung dauerte es vier Monate. „Lass uns bitte nicht mehr von der Therapie reden. Das war in einem anderen Leben.“

Sandras früheres Traumgewicht von 64 Kilo hat sie nun erreicht und hält es konstant. Auch wenn es ihr manchmal immer noch schwer fällt, auf die Signale ihres Körpers angemessen zu reagieren. Das Brötchen hat sie währenddessen gegessen und der Teller steht bereits abgewaschen wieder an seinem ursprünglichen Platz. „Ich brauche die Ordnung hier draußen, damit ich sie in mir spüre.“

Der Schuhkarton ist wieder unter dem Bett verschwunden. Demnächst beginnt Sandra ihr neues Leben. Was sie vorhat, will sie nicht verraten. „Ich will auf jeden Fall mit Menschen zu tun haben. Anderthalb Jahre lang war ich der einzige Mensch auf einem sehr kleinen Planeten. Jetzt lebe ich wieder hier.“ Sie hat einen netten Jungen kennen gelernt, erzählt sie mit erkennbarer Neugier in der Stimme. Ja, ihr Leben beginnt.

 

 




To do

mein Leben wieder auf die Reihe kriegen

Emily

Sie ist 15 Jahre alt und will abnehmen. Dafür tut sie ALLES. Du kannst natürlich auch noch mehr erfahren, wenn es dich interessiert. Auch ihre Ziele und Vorsätze für das neue Jahr hat sie verschriftlicht. Sogar ihre Schulnotenoten kannst du nachlesen.

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