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In Mathe rechnet sie mit Kalorien


Von Anne Fromm

Dass Marie ein Problem mit Nahrung hat, sieht man ihr nicht an. Die 18-Jährige ist weder auffallend dick noch dünn. Doch wenn sie isst, verliert sie die Kontrolle über sich, und das seit Jahren. Eine Schülerin erzählt von ihrem Kampf gegen die Bulimie.

Ein komplettes Toastbrot, ein Glas Nutella, drei Stückchen Sahnetorte, eine Pizza "Vier Käse", eine Tafel Nougat-Schokolade, eine halbe Packung Vanilleeis, Nudeln mit Tomatensoße. Eine Stunde lang verschlingt Marie, was sie in der Küche ihrer Eltern finden konnte. Danach läuft sie auf die Toilette, steckt sich den Finger in den Hals und erbricht sich bis zur Erschöpfung. Die Verpackungen der Lebensmittel entsorgt sie heimlich in den Abfalleimern des Wohngebiets.

Fünf Jahre geht das nun schon so. Fressen, erbrechen, fressen, erbrechen - dieser Rhythmus bestimmt Maries Leben und hinterlässt dunkle Augenringe in ihrem blassen Gesicht. Wenn Marie davon erzählt, suchen ihre Augen Halt in der Umgebung, einen Punkt, an dem sie verharren können. Den findet sie schließlich auf den dunklen Holzdielen des Fußbodens. Erschöpft sieht sie aus, die Schülerin. Übernächtigt vielleicht. Aber essgestört?

Fast Food - verführerisch für eine Bulimie-Kranke

Die 18-Jährige ist weder auffallend dick, noch auffallend dünn. Sie wiegt 69 Kilo bei einer Größe von 1,75 Metern, das ist normalgewichtig. Braune, schulterlange Haare fallen locker in das schmale Gesicht. Die Schultern hängen tief, der Rücken ist gebeugt. Antriebslos wirkt sie, irgendwie kampfesmüde. Doch in den Spiegel sieht Marie schon lange nicht mehr. Höchstens, um sich selbst zu beschimpfen: "Sieh dich doch an, wie ekelhaft du geworden bist", denkt sie sich dann.

"Mein heutiger Tag hatte gut angefangen: Ein kleines Müsli mit fettreduzierter Milch und ein Apfel. Ich war mir sicher: Heute halte ich durch." Aber dann rief der Ex-Freund an und es gab Zoff am Telefon. Das hat sie runter gezogen. Sie griff zur Schokolade: ein Stückchen, zwei, drei. "Und dann ist es eh zu spät", erzählt Marie. "Dann kann ich auch richtig fressen, ich gehe ja sowieso auf's Klo und kotze."

Eltern und Lehrern ahnen nichts

Kaum einer ihrer Mitmenschen weiß von ihrem Problem. Dass sie die Kontrolle über sich verliert, wenn sie isst, sollen Eltern, Lehrer und Freunde nicht wissen. Denn Marie glaubt, wenn jemand von ihrer Krankheit erfahre, verliere sie an Wert. Würde abgestempelt als die Schwache, die mit ihren Leben nicht klar kommt. Die Eltern arbeiten viel und lang. Dass sie nichts merken, findet die Tochter normal - sie glaubt, auch ihr würde so etwas nicht auffallen.

Marie leidet nicht zum ersten Mal unter Bulimie. Vor zwei Jahren schaffte sie den Absprung. Ganz allein, ohne Therapie, ohne dass ihre Familie von ihrem täglichen Kampf mit dem Essen wusste. Von einem Tag auf den anderen änderte sie ihr Leben: Vollkorn, viel Obst und Gemüse, Ausdauersport. "Das klappte hervorragend", erinnert sich die Abiturientin. "Mein neues Leben machte mir Spaß. Endlich taute ich auf, wurde wieder die, die ich war. Ich ging feiern, war viel an der frischen Luft und genoss jeden einzelnen Tag."

Nach etwa einem Jahr konnte Marie wieder Essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Doch dann kam der Stress in der Schule und Zoff mit den Eltern. Vor einigen Wochen verließ sie ihr Freund. Was dann kam, klingt klassisch: Aus Verzweiflung begann sie mehr zu essen, vernachlässigte den Sport, griff öfter zu Süßigkeiten.

Mittlerweile kommen die Fressattacken wieder fast täglich. Sie hasst sich dafür. "Ich bin gefangen. Die Krankheit ist wie ein Käfig. Du kannst zwar nach draußen gucken, kommst aber nicht raus." Im Unterricht erwischt sie sich beim steten Rechnen: "Was kann ich einkaufen? Wie viel Geld habe ich noch? Wie viel Zeit zum Essen? Und wo beseitige ich nachher die Spuren?"

Appetit haben und satt sein, das hat sie verlernt. Wenn sie Kuchen oder Schokolade vor sich hat, setzt der Verstand aus. Dann schlingt sie hinunter, ohne nachzudenken.

Sie plant ihre Fressanfälle genau

Meistens aber plant sie ihre Anfälle genau. Essen ist für sie Befriedigung. Dabei fühlt sie sich gut, denkt nicht daran, dass sie gleich erbrechen wird. In einer Stunde verzehrt sie Süßes und Fettiges, manchmal insgesamt bis zu 10.000 Kalorien. Oft zögert sie die Fress-Orgien hinaus, nimmt noch einen Keks und noch einen, weil sie weiß: "Kotzen ist Quälerei." Aber anders geht's ja nicht, sagt sie. Zunehmen wäre das schlimmste. "Deswegen muss es raus." So hängt sie über dem Toilettenbecken und lässt sich danach erschöpft in ihr Bett fallen, geplagt von Magenschmerzen und einem schlechten Gewissen.

Seit ein paar Wochen denkt sie über eine Therapie nach, auch wenn sie weiß, dass zwei Drittel aller Betroffenen rückfällig werden. Doch Hilfen für Essgestörte sind rar in Deutschland, obwohl offiziell mehr als fünf Prozent der Frauen zwischen 14 und 29 Jahren an einer Essstörung leiden.

Marie hat in ihrer Heimatstadt drei Psychologen gefunden, die sich auf Essstörungen spezialisiert haben. Das ist nicht viel für eine Stadt mit 200.000 Einwohnern. Die Psychologen haben Wartezeiten von über einem halben Jahr. Marie beginnt ihre Sitzungen im Oktober, bis dahin will sie es mit gesunder Ernährung und Sport versuchen.







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mein Leben wieder auf die Reihe kriegen

Emily

Sie ist 15 Jahre alt und will abnehmen. Dafür tut sie ALLES. Du kannst natürlich auch noch mehr erfahren, wenn es dich interessiert. Auch ihre Ziele und Vorsätze für das neue Jahr hat sie verschriftlicht. Sogar ihre Schulnotenoten kannst du nachlesen.

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